Anmelden
 
 
Mi, 22. Mai 2013

Ist Querschnittlähmung bald heilbar?

Ist Querschnittlähmung bald heilbar?

Es ist ein beliebtes und deshalb immer wiederkehrendes Thema in den Medien: Eine Geißel der Menschheit, nämlich die Querschnittlähmung, wird schon bald überwunden sein. Doch wie weit ist die Forschung wirklich? Sind die Hoffnungen, die hunderttausenden von querschnittgelähmten Menschen gemacht werden, realistisch?
Noch vor nicht mehr als 30 Jahren kam die Diagnose Querschnittlähmung einem Todesurteil gleich. Der größte Teil der Betroffenen starb innerhalb der ersten zwei Jahre nach Eintritt der Lähmung. Erst Ende der 6oer Jahre entwickelte sich ein Bewußtsein dafür, dass eine Querschnittlähmung den gesamten Körper umfasst und eben nicht nur die Beine. Durch ganzheitliche Behandlungs- und Rehabilitationsmethoden, die vor allem auch Blase, Darm, Nieren und die Haut berücksichtigen sowie immer bessere und vielfältigere Hilfsmittel konnten sowohl Lebenserwartung als auch Lebensqualität quer­schnittgelähmter Menschen deutlich erhöht werden. Heute können querschnittgelähmte Menschen mit einer lediglich um etwa zehn Prozent verminderten Lebenserwartung rechnen
Trotz dieser beachtlichen Erfolge bleibt das Ziel der Wissenschaft, das Trauma Querschnittlähmung eines Tages zu überwinden. Dass das bisher nicht gelungen ist, liegt an einer vergleichsweise banalen Verweige­rung der Natur: Im zentralen Nervensystem sind die Nervenstränge weder in der Lage sich selbst zu regene­rieren, noch wachsen dort periphere Nerven, die bei­spielsweise aus den Armen oder Beinen dorthin ver­pflanzt werden, ein. Die durch einen Unfall oder eine Krankheit unterbrochenen Nervenbahnen des Rücken­marks bleiben deshalb dauerhaft für den Transport neuronaler Informationen unbrauchbar. Der Betroffene bleibt in allen Körperteilen unterhalb der Schädigung ganz oder teilweise gelähmt. Ein interessanter Ansatz zur Heilung von Querschnitt­lähmungen kommt aus den USA. Im Rahmen der Natio­nal American Spinal Cord Injury Study (NASCIS) wird gelähmten Menschen spätestens acht Stunden nach Eintritt der Lähmung eine hohe Dosis Methylpretniso-lon gespritzt. Statistisch ergibt sich dadurch eine höhe­re Heilungsrate. Allerdings ist dieses Verfahren nur bei einem sehr eingeschränkten Personenkreis einsetzbar. Nicht nur die zeitliche Nähe zum Eintritt der Lähmung begrenzt das Verfahren. Vor allem ist es lediglich bei inkomplett gelähmten Menschen erfolgversprechend. „Haltet euch fit für den TagX!" Inzwischen arbeiten weltweit über 100 Arbeitsgruppen daran, eine Lösung zur Überbrückung von Unterbre­chungen im zentralen Nervensystem zu finden. Die Ansätze dazu sind sehr unterschiedlich und muten mit­unter exotisch an. Beispielsweise wird neben Fetal- und Stammzellentransplantaten auch erforscht, ob Hai­fischstammzellen dazu geeignet sind, die unterbrochenen Nervenbahnen zu überbrücken. Alle diese Forschungsansätze haben jedoch eins gemeinsam: Über den Laborstatus sind sie bisher nicht hinaus. Nach Einschätzung von Dr. Thomas Meiners, Chefarzt des Zentrums für Rückenmarkverletzte der Werner-Wicker-Klinik in Bad Wildungen, ist deshalb innerhalb der nächsten zehn bis 15 Jahre nicht damit zu rechnen, dass Querschnittlähmung ganz oder teilweise heilbar sein wird. Sollte es jedoch eines Tages gelingen, unterbrochene Nervenbahnen in der Wirbelsäule zu reparieren, besteht laut Dr. Meiners auch für seit langem quer­schnittgelähmte Menschen eine gute Chance auf eine nachhaltige Verbesserung der Mobilität oder sogar eine weitgehende Heilung. Nach seiner Erfahrung baut der Körper auch nach einer langen Zeit der Lähmung noch genügend Nerven und Muskeln auf, um wieder eingeschränkt funktionsfähig zu sein. Die Erfahrungen mit dem Freehand-System (s. HANDICAP 4/2000, Seite 32f) haben gezeigt, dass Hände, die nach längerer Lähmung wieder in Gebrauch genommen werden, eine natürlichere Form annehmen. Insgesamt werden sie muskulöser und fleischiger, die Gelenke und die Haut werden weicher. „Da steht man staunend vor den Wundern der Evolution", sagt Dr. Meiners dazu. Aus diesem Grund rät er allen querschnittgelähmten Menschen ihre Körper für den Fall fit zu halten, dass Querschnittlähmung eines Tages heilbar sein wird. Auf diese Weise können die Betroffenen verhindern, dass etwas unmöglich wird, was bei ausreichender körperlicher Konstitu­tion möglich gewesen wäre.
Ersetzbare Körperfunktionen
Während aber in absehbarer Zeit nicht damit zu rechnen ist, dass Querschnittlähmungen durch die Wiederherstellung der Nervenbahnen im Rückenmark dauerhaft überwunden werden können, lassen sich einzelne Körperfunktionen bereits heute zumindest teilweise wieder aktivieren. Insbesondere durch die Neuroprothetik, zum Beispiel das bereits erwähnte Freehand-System, haben sich bereits beachtliche Erfolge ergeben. Dabei wird im Wesentlichen das Funktionsprinzip des Körpers kopiert: Der Informationsfluß in den gelähmten Körperteilen wird durch geringe Elektrizität wieder hergestellt. Da durch die Unterbrechung der Nervenbahnen im Rückenmark die Steuerung und Koordination der Bewegungen nicht durch das Gehirn übernommen werden kann, muss diese Aufgabe ein eigens dafür vorgesehener Computer übernehmen. Eine einzige Handbewegung ist jedoch derart komplex, dass es einer Hardware von mehreren Kubikmetern Größe bedürfte, um sie vollständig durch einen Com­puter zu ersetzen. Tatsächlich haben die eingesetzten Computer nur etwa die Größe einer Zigarettenschachtel
Querschnittlähmung in Zahlen
In Deutschland erleiden jährlich etwa 1.500 Menschen eine Quer­schnittlähmung. Davon sind etwa 70 Prozent Männer und 30 Prozent Frauen. Die meisten Querschnittlähmungen werden durch Unfälle verursacht, der Rest durch Tumoren und Entzündungen. Unfälle dominieren bei den 20- bis 30jährigen, Stürze und Tumoren bei den 50 bis /70jährigen. Insgesamt leben in Deutschland zurzeit etwa 80.000 querschnittgelähmte Menschen. Nur noch fünf bis sieben Prozent der Verunglückten sterben innerhalb der ersten Zeit an den Folgen ihrer Ruckenmarksverletzung. Bei 60 Prozent der Frischverletzten sind nur zwei Gliedmaßen ganz oder teilweise gelähmt. In diesen Fällen kann von einer fast normalen Lebenserwartung ausgegangen werden.



»Wir könnten in der Forschung weiter sein«

Interview mit Dr. Thomas Meiners, Chefarzt des Zentrums für Rückenmarkverletzte der Werner-Wicker-Klinik in Bad Wildungen



Dafür ist nicht nur der Umstand ausschlaggebend, dass Vor- und Nachbereitungszeit mindestens drei Monate beanspruchen. Vor allem funktioniert das System nur unter Mithilfe des Patienten, was eben dessen unbedingten Willen dazu voraussetzt. Gleich­zeitig ist aber der tatsächliche Funktionsgewinn nicht genau vorhersagbar.

Es wäre mehr möglich
Obwohl zurzeit insbesondere die Neuroprothetik quer­schnittgelähmten Menschen die größten lebenspraktischen und therapeutischen Erfolge verspricht, wäre in diesem Bereich nach Ansicht von Dr. Meiners noch wesentlich mehr möglich. Tatsächlich jedoch sind die Forschungs- und Entwicklungskosten im Vergleich zu den Gewinnaussichten zu gering. Die Fortschritte in diesem Bereich sind deshalb vor allem von den zur Ver­fügung gestellten Mitteln und weniger von den wissen­schaftlichen Möglichkeiten abhängig. Da andererseits die vielfältigen Ansätze zur Heilung von Querschnitt­lähmung innerhalb der nächsten zehn bis fünfzehn Jahre keine Aussicht auf Erfolg versprechen, müssen die meisten querschnittgelähmten Menschen wohl davon ausgehen, dass ihre Lebensumstände einstwei­len unverändert bleiben werden.
Text: Volker Neumann
HANDICAP 3/2001

______________________
Mit wenigen Mausklicks Ihre individuelle, komplett fertige Datenbank im Web
______________________
Rehabilitations- und Fitnesstudioabrechnung
______________________