Josephine Danckwerth hat einen Traum: 2012 bei den Paralympics in London als Sprinterin zu starten. Dass er wahr werden könnte, verdankt sie einem in Deutschland bislang einmaligen Projekt, das junge Sportler mit Behinderung beruflich fördert. Seit September 2007 bringt sie im SRH Berufsbildungswerk Sachsen zwei Karrieren unter einen Hut – die sportliche und die berufliche.
Sie rennt um die Kurve, ihr Körper ist angespannt, das Gesicht gerötet. Josi, wie sie von allen genannt wird, beißt die Zähnezusammen, legt Tempo zu. Nur noch wenige Schritte, dann hat sie die 200 Meter geschafft. Trainer Ralf Paulo empfängt sie miterhobenem Daumen. Persönliche Bestzeit. Noch völlig außerPuste lächelt die junge Frau, die anders ist als die meistenHochleistungssportlerinnen in ihrem Alter: Die 18-Jährige istSpastikerin und von Geburt an linksseitig gelähmt.
Dass der Sport heute ihr Leben prägt, verdankt sie dem Zufall. Josi hat die Bauhausschule Cottbus besucht, eine Förderschulefür Körperbehinderte, die eng mit dem Olympiastützpunktund dem Behindertensportverband Brandenburg(BSB) zusammenarbeitet.
In der siebten Klasse fragte dieSportlehrerin, ob Josi nicht professionell trainieren wolle.„Eigentlich mochte ich Sport überhaupt nicht, aber da allemeine Freunde mitmachten und ich nicht allein sein wollte,bin ich halt zum Training gegangen“, erzählt sie und lacht.Überrascht merkte sie, dass ihr vor allem Sprint, Weitsprungund Kugelstoßen liegen. Inzwischen trainiert sie fast täglich.„Anfangs war ich nicht immer fleißig, doch heute gehört dasTraining einfach zu meinem Leben“, betont die gebürtigeCottbuserin. Seit Januar 2007 wird sie am Olympiastützpunktbetreut,nimmt an Wettkämpfen teil und ist Paulos größtesTalent,wie der Trainer des BSB sagt. Dennoch sah es langeso aus, als müsse Josi den Hochleistungssport an den Nagelhängen. Im Sommer 2007 ging sie von der Schule ab – mitFörderschulabschluss. Wie viele behinderte Sportler hätte sieanschließend eigentlich nach Potsdam ziehen müssen, umsich im dortigen Berufsbildungswerk (BBW) auf einen Berufvorzubereiten. Dass sie in ihrer Heimatstadt bleiben kann, verdanktsie Ralf Paulo. Seit mehr als zehn Jahren hatte er dafürgekämpft, dass seine Sportler in Cottbus beruflich gefördertwerden – und parallel trainieren können.
Im Januar 2007 kam er in der Agentur für Arbeit Cottbus mit Vertretern des SRHBBW Sachsen ins Gespräch. Dieses ist eigentlich nicht für dasbrandenburgische Cottbus zuständig; dennoch sagten dieVerantwortlichen spontan Hilfe zu. In Windeseile eröffnetedas SRH BBW Sachsen eine Zweigstelle in Cottbus (sieheKasten),und gemeinsam mit 13 anderen körperlich behindertenJugendlichen im Alter von 16 bis 21 startete Josi dieBerufsvorbereitung. „Ich bin sehr froh über diese Chance“,betont sie. Wie ihre Mitschüler durchlief sie eine dreiwöchigeEinschätzungsphase, in der das Berufsfeld eingegrenzt undgeprüft wurde, welche Berufe sich für ihren Gesundheitszustandund ihre Fähigkeiten eignen. Zur Wahl standen Berufeaus den Bereichen Hauswirtschaft, Handwerk/Technik undWirtschaft/Verwaltung.
Das Ziel vor Augen
Josi entschied sich für den kaufmännischen Bereich. Im Unterrichthat sie kaum Probleme, obwohl sie anfangs Angst davorhatte, nicht mitzukommen. „Vieles verstehe ich sogar besserals in der Schule“, erzählt Josi. montags und dienstags stehtBerufsschule auf dem Stundenplan. Zwei Lehrer vom OberstufenzentrumCottbus unterrichten die Schüler in Wirtschafts-undSozialkunde, Mathematik, Deutsch und Lernen für dieArbeits- und Lebenswelt. Wer in einem Fach nicht fit ist, erhältzusätzlich Stütz- und Förderunterricht. Von mittwochs bisfreitags bereiten sich die Schüler konkret auf den Berufsalltagvor. „Hier lernen wir auch, mit dem Computer umzugehenoder uns richtig zu bewerben“, erzählt Josi. Für sie und dieanderen fünf Sportler sieht der Stundenplan zudem feste Terminefür das Training vor. „Natürlich hätte ich die Sportler amliebsten ständig hier, doch die Ausbildung ist das Wichtigste“,betont Paulo.Manchmal kommt Josi auch ohne Sport ganz schön insSchwitzen, die Ansprüche im Unterricht steigen. Doch sie fühltsich wohl im BBW, mit den meisten ihrer Mitschüler ist siebefreundet. Parallel zur Berufsvorbereitung holt sie dort ihrenHauptschulabschluss nach, und ein Praktikum bei der LausitzerRundschau, der regionalen Tageszeitung, hat sie auch schonerfolgreich absolviert. Bleibt ihr neben alldem noch Zeit, liestJosi gerne – „am liebsten etwas Spannendes, auf keinen FallLiebesromane“. So wie das Leben darin dargestellt werde, seies gar nicht, sagt sie. „Ein Happy End gibt’s im wahren Lebendoch kaum.“ Dennoch ist da vieles, worauf sich die jungeFrau freut. Im September fliegt sie nach Peking zu den Paralympics.
| Starthilfe in den Beruf
In der Zweigstelle des SR H BBW Sachsen können sichJugendliche mit Körperbehinderung – Sportler undNicht-Sportler – in elf bis 18 Monaten wohnortnah aufeine Berufsausbildung vorbereiten. Die Dauer richtetsich nach den Fähigkeiten der Teilnehmer. Alle Bewerberabsolvieren eine Eignungsanalyse, die als Basis für einenindividuellen Qualifizierungsplan und eine Berufsfeldorientierungdient – wichtige Kriterien sind Wissensstand,Entwicklungspotenzial und soziale Kompetenz.Partner des SR H BBW Sachsen sind die Agentur fürArbeit Cottbus, der Behindertensportverband Brandenburg,der Olympiastützpunkt Cottbus/Frankfurt (Oder),das Oberstufenzentrum Cottbus und die BauhausschuleCottbus. Ziel ist es, für alle Teilnehmer einen Ausbildungsplatzzu finden. Neben dem Erwerb der Ausbildungsreifebietet die BBW-F iliale auch Maßnahmen zurberuflichen Orientierung an. Bei Bedarf werden dieTeilnehmer zudem medizinisch-therapeutisch betreut |
Als Gast im Jugendlager wird sie zwei Wochen langdie Sportler anfeuern und Wettkampfluft schnuppern. „Daschaue ich, wo ich mal landen könnte“, sagt sie und lächeltverschmitzt. „Außerdem interessieren mich Land und Leute,und geflogen bin ich auch noch nie.“ Josis Ehrgeiz ist geweckt.Sie will vorankommen. „Einen Ausbildungsplatz und Arbeitzu finden, das ist mein großes berufliches Ziel“, sagt sie. Undirgendwann möchte sie nach Afrika reisen. „Dieses Land findeich toll, seit ich klein bin. Ich möchte unbedingt dorthin.“ Ihrgrößter Traum ist jedoch, einmal als Sportlerin bei den Paralympicsdabei zu sein. Ralf Paulo ist sicher, dass sie es 2012schaffen kann, wenn sie weiterhin so fleißig trainiert. Denzweiten Platz im deutschen Jugend-Ländercup im Behindertensporthat sie bereits vor Kurzem geholt. Mit großenSchrittenläuft sie ihrer sportlichen und beruflichen Zukunft entgegen.
Das Ziel ist gar nicht mehr so weit.
Gabriele Jörg, SRH Magazin