Überraschungs-Silber für Francés Herrmann

Geschrieben von DBS Presse / Tagesspiegel am . Veröffentlicht in Paralympics


Jugend trainiert Logo RGB Eine Silbermedaille, die nicht mal die Athletin selbst auf dem Schirm hatte, Disqualifikations-Stress, schnelle Sprinter auf Prothesen und starke Nachwuchstalente: Der dritte Para Leichtathletik-Tag im Tokioter Olympiastadion hatte es aus deutscher Sicht in sich.

Ich habe mich mit dem Thema Siegerehrung ehrlich gesagt gar nicht auseinandergesetzt, weder, wann die ist, noch was ich einpacken muss“, sagte Francés Herrmann nach ihrem Coup: „Wir hatten zwar immer gesagt, dass zwischen Platz drei und fünf alles möglich ist, aber auf dem Papier war ich eben die Nummer vier.“
Frances Herrmann © Binh Truong / DBS© Foto: Imago Der Wettkampf lief gut für Francès Herrmann, nur eine Chinesin war besser.


18 Meter hatte sich die 32-Jährige vom BPRSV Cottbus vorgenommen, aber da auch die Konkurrenz – bis auf die Siegerin Lijuan Zou aus China, die Weltrekord warf – nicht so richtig in den Wettkampf fand, war Herrmann hochzufrieden: „Die Finnin und ich duellieren uns ja immer, bei der EM hat sie gewonnen und ich war Vize, jetzt bin ich eins vor ihr.“ Erst vor anderthalb Jahren war Herrmann Mutter geworden, ihr Sohn ist in Tokio nicht dabei: „Es war keine einfache Vorbereitung. Die Medaille legitimiert ein bisschen, dass ich ihn alleine zuhause gelassen habe. Man ist immer ein bisschen hin- und hergerissen, aber jetzt habe ich gezeigt, dass ich es auch als Mutter kann und ich werde daran weiterarbeiten. Ich möchte, dass mein Sohn damit aufwächst und sieht, dass das eine tolle Sache ist. Ich werde jetzt erstmal meinen Trainer und mein Handy suchen und zuhause anrufen, weil meine Mutti gesagt hat, wenn ich eine Medaille gewinne, geht sie in den See baden. Zuhause sind es 16 Grad, in diesem Sinne.“

Die Speerwerferin hat am Sonntag bei den Paralympics den zweiten Platz belegt (Startklasse F34). Ganze 17,72 Meter weit flog der Speer der Cottbusserin. Nur die Chinesin Zou Lijuan warf weiter, sie kam auf etwas mehr als 22 Meter. Und jetzt? Steht die Cottbusserin im Stadion in Tokio und scheint ihre Emotionen erst einmal ordnen zu müssen. Das ist auch nur verständlich, denn auf Herrmanns „Weg nach Tokio“ ist so einiges passiert.

Im Frühjahr 2021 erkrankten Herrmann und ihr Sohn Henry an Corona. Über mehrere Wochen hinweg saßen die beiden zu Hause. Für den Sohn fiel die Kita aus, für Herrmann einiges an Training. Ihr 17,72-Meter-Wurf während des Wettbewerbs war ihr bester der Saison. Vorgenommen hatte sie sich aber eigentlich etwas anderes: „Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, 18 Meter weit zu werfen“, sagt Herrmann. Das hat – die Chinesin ausgenommen – aber niemand geschafft.

Ihrem Sohn will Herrmann ein Vorbild sein
Dass die Paralympics verschoben wurden, kommt der Cottbusserin ein wenig zugute. Ihren Sohn Henry brachte sie nämlich Anfang 2020 auf die Welt. Im Sommer 2020 an den Spielen teilzunehmen, wäre kaum möglich gewesen. Der Kleine ist nicht mit in Tokio, sondern gerade bei der Mutter von Francés Herrmann und seiner Urgroßmutter. Ob Henry wohl weiß, warum sich diese beiden am Sonntagnachmittag so gefreut haben? Seit der Geburt von Henry geht es Francés Herrmann der eigenen Aussage nach jedenfalls viel besser – auch im Sport.

Manchmal, so erzählte Herrmann Anfang August dem Tagesspiegel, sei Henry auch mal beim Training dabei und schleppe Übungsmaterialien. Aus reiner Freude. Ihrem Sohn will Herrmann ein Vorbild sein. Und dass die Speerwerferin es jetzt zu einer Medaille geschafft hat, bestätigt sie nicht nur als Athletin. „Ich habe gezeigt, dass ich das kann, auch als Mutter“, sagt Herrmann nach dem Wettkampf.

Der Wettkampf lief gut für Herrmann, bis die Chinesin mit jedem ihrer Würfe Herrmanns Bestleistung toppte. Die Finnin Marjaana Heikkinen wurde Dritte. Sie warf den Speer 17,47 Meter weit. Herrmann sagt: „Die Finnin war Europameisterin, ich Vize. Wir battlen uns immer so ein wenig.“ Dieses eine Battle hat Herrmann am Sonntag gewonnen.

Dieser Text ist Teil der diesjährigen Paralympics Zeitung. Alle Texte unserer Digitalen Serie finden Sie hier.

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