Brandenburger Athleten haben gemischte Gefühle zu den Spielen in Tokio

Geschrieben von Lukas Grybowski, MOZ.de am . Veröffentlicht in Sportnachrichten


presseDie Paralympischen Spiele in Tokio 2020 waren ihr großer Traum. Die Brandenburger Felix Krüsemann und Stefan Hawranke richteten ihren kompletten Trainings-und Jahresplan auf diesen Höhepunkt aus.

Für den 20-Jährigen Krüsemann wären es die ersten Olympischen Spiele gewesen, für den 15 Jahre älteren Hawranke die zweiten und womöglich auch die Letzten. Ob sie im August 2021 auch noch zum paralympischen Team Tokio gehören und sich ihren Traum erfüllen können, ist offen.

Wenn Felix Krüsemann an sein letztes Rennen zurückdenkt, muss er kurz überlegen. "Mein letzter Wettkampf war die Para Leichtathletik-WM in Dubai im November 2019." Seitdem hat er keine Wettkämpfe mehr bestritten. Sein voller Fokus lag auf der Vorbereitung für den Sommer und die Paralympics. "Die kommenden Wochen und Monate wären viel Quali-Phase gewesen, aber die finden nicht statt. Also haben wir am Training nicht viel geändert. Es besteht viel aus Grundlagenausdauer." Und zum Trainieren hat Felix Krüsemann, der gerade einen Bundesfreiwilligen Dienst als Trainer bei seinem Heimatverein RSV Eintracht Stahnsdorf absolviert, sehr viel.

Berlin: Behindertensport: EM der Leichtathleten im Jahn-Sportpark, 1500 Meter, Männer, T38. Der Deutsche Felix Maximilian Sven Krüsemann für das Feld an. Er wurde Dritter. © Foto: Jens Büttner/dpaBerlin: Behindertensport: EM der Leichtathleten im Jahn-Sportpark, 1500 Meter, Männer, T38. Der Deutsche Felix Maximilian Sven Krüsemann für das Feld an. Er wurde Dritter. © Foto: Jens Büttner/dpa


Zwölf Einheiten pro Woche

"Wir haben den Kindern Trainingspläne für zu Hause entworfen, damit sie nicht die Lust verlieren, aber ich trainiere jetzt selbst viel." Aktuell sind es zwölf Einheiten in der Woche. Als Mittelstreckenläufer hat er zudem den Vorteil, dass er in Zeiten der Corona-Krise auf keinen Sportplatz angewiesen ist. "Ich gehe einfach in den Wald und kann loslaufen." Seine Einheiten erledigt er früh am Morgen und nachmittags, da um diese Zeit weniger Menschen unterwegs seien.

Während des Laufens ist Felix Krüsemann seine Behinderung nicht anzumerken. Der 20-Jährige leidet an einer Ataxie, einer Schädigung des zentralen Nervensystems, die sich durch Zittern der Hände und Füße bemerkbar macht und Probleme mit dem Gleichgewichtssinn verursacht. Dies wurde durch Sauerstoffmangel bei der Geburt verursacht.

Dass er auf die Teilnahme an seinen ersten Paralympischen Spielen noch ein Jahr warten muss, stört ihn nicht. "Ich rechne immer mit dem Schlimmsten, daher hat es mich auch gar nicht so getroffen, als die Spiele verschoben wurden." Und er kann dem sogar noch etwas Gutes abgewinnen. "Das eine Jahr Training kommt mir entgegen. Ich sehe es als Chance, noch besser zu werden."

Mit Paralympics Karriere beenden

Zeit, die Goalball-Spieler Stefan Hawranke aus Königs Wusterhausen eigentlich schon verplant hatte. "Ich hatte dieses letzte halbe Jahr als Endspurt im Blick und wollte mit dem Highlight Paralympics meine Karriere beenden. Es war alles daraufhin ausgerichtet. Diese Verschiebung muss ich erst einmal verarbeiten, akzeptieren und für mich einordnen", sagt der 35-Jährige. Etwas Aufmunterung brachte da ein Brief von Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke, der allen Brandenburger Athleten des Teams Tokio 2020 Zuversicht und Durchhaltevermögen aussprach. "Damit hätte ich wirklich nicht gerechnet. Das war eine ganz starke Aktion", lobt der Goalball-Spieler.

Für Hawranke wären es nach Rio 2016 die zweiten Paralympischen Spiele gewesen. Seit mehr als 15 Jahren ist der gebürtige Zittauer Teil der Goalball-Nationalmannschaft. "Bei den Paralympics Goalball vor einem 12.000 Mann starken Publikum zu spielen, ist eine Erfahrung, die ich für immer gespeichert habe." 2016 reichte es zum 6. Platz, im vergangenen Jahr wurde er mit dem Team Europameister.

Stefan Hawranke war schon immer sportbegeistert. Er betrieb Leichtathletik, Schwimmen und Schach. Er entschied sich bewusst für Goalball und gegen Leichtathletik, da ihm das gegenseitige Ergänzen der Stärken besondere Freude bereitet. Dabei muss er sich voll und ganz auf sein Gehör verlassen. Er ist am Steven-Johnson-Syndrom erkrankt und fast vollständig blind. Seine Sehkraft beträgt nur noch zwei Prozent.

Trainingspensum heruntergefahren

Anders als Felix Krüsemann hat Stefan Hawranke, der als Controller bei den Berliner Wasserbetrieben arbeitet, sein Trainingspensum heruntergefahren. Normalerweise hätte die Goalball-Bundesliga kürzlich begonnen, weitere Trainingslager und fünf internationale Turniere standen auf dem Plan. Vor der Corona-Krise hatte er ein Trainingspensum von 10 bis 15 Stunden in der Woche. "Man kann nicht eineinhalb Jahre bis zu den nächsten Spielen durchpowern. Ich trainiere im reduzierten Maße und mache viel Sport, den man einfach nur aus Spaß macht, wie joggen oder Tandem fahren mit meiner Frau", erzählt er.

Langeweile kommt bei ihm dennoch nicht auf. Als Vorstandsvorsitzender des Vereins "aktviGOAL", der die Goalball-Bundesliga organisiert, ist er momentan in zahlreiche Telefonkonferenzen involviert. "Wenn ich die Bundesliga plane, nehme ich die Rolle der Führungsposition ein und trage die Verantwortung für die Gesundheit der Leute. Auch wenn ich als Sportler natürlich schnellstmöglich aufs Feld zurück möchte."

Ob er selbst 2021 bei Paralympics in Tokio auf dem Feld steht, lässt er offen. "Ich habe noch keine Entscheidung getroffen. Wenn ich weitermache, dann ist es ein Jahr mehr mit vielen Entbehrungen, die ich so nicht eingeplant habe. Ich möchte das nicht bereuen und zu Hundert Prozent hinter der Entscheidung stehen." Für Felix Krüsemann, der ab Oktober Sport und Georgrafie an der Uni Potsdam studieren will, ist das Ziel klar. "Mit dem Studium kann es ein bisschen schwerer werden, aber Tokio 2021 ist mein großes Ziel, dem ordne ich alles unter."

Goalball ist eine Weltsportart

Goalball ist die weltweit am weitesten verbreitete Sportart für Menschen mit Seheinschränkungen. Sie ist dabei keine Abwandlung einer bestehenden Sportart, sondern wurde kurz nach dem 2. Weltkrieg für Kriegsversehrte eingeführt. Seit 1976  ist die Sportart paralympisch.
Gespielt wird Goalball auf einem Volleyballfeld (18 Meter lang, 9 Meter breit). Dabei sind die Linien leicht erhöht, damit sich die Spieler besser orientieren können. Von jedem Team stehen drei Spieler auf dem Feld.
Ziel des Spiels ist es, den Ball in das Tor zu befördern, das sich am Ende des Feldes über die gesamte Breite von neun Metern zieht und 1,30 Meter hoch ist. Dabei muss der 1,25 Kilogramm schwere Ball zweimal den Boden berühren. Einmal in der neutralen Zone und einmal im letzten Drittel, die jeweils sechs Meter breit sind. Damit die Spieler wissen, wo sich der Hartgummiball befindet, ist er mit zwei Glöckchen gefüllt. Die Spieler können den Ball bis zu 70 km/h schnell werfen.
Der SSV Königs Wusterhausen gilt als Traditionsteam für Goalball. Es können auch Nicht-Sehbehinderte mitmachen. Sie bekommen wie alle Spieler einen Sichtschutz auf die Augen. ⇥lgr

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