Inklusion im Sport - Der Selbstentdecker

Geschrieben von moz.de , Kerstin Bechly / 06.07.2020, 09:45 Uhr moz.de am . Veröffentlicht in Para Leichtathletik


Jugend trainiert Logo RGB  Frankfurt (Oder) (MOZ) Wenn Mathias Schulze von seinen ersten Paralympics – den Olympischen Spielen für Menschen mit Behinderung – 2012 in London erzählt, wirkt das nicht, als ob es schon acht Jahre her ist. Detailliert beschreibt der gebürtige Magdeburger den Einmarsch zum Wettkampf ins Stadion mit 80 000 Zuschauern, wie sich seine Konkurrenten den Druck von der Seele brüllten, wie still es war, als das 100-m-Finale mit dem Südafrikaner Oscar Pistorius anstand und ein Freund in die Stille hinein "Maaaatzee" brüllte bis hin zur Frage einer Journalistin, warum er denn so strahle, obwohl er im Kugelstoßen nur Fünfter geworden sei. "Es war alles so bewegend, ich hatte wenig internationale Erfahrung und war überfordert", erzählte Mathias Schulze, der in der Startklasse F46 (Oberarmamputierte, Unterarmverlust) startet, beim 12. MittwochsTalk im Kiez vor 50 Zuschauern.0

Sieben Jahre hart gearbeitet

Mit 28 Jahren konnte sich der Zwei-Meter-Mann einen Traum erfüllen, auf den er sieben Jahre lang hingearbeitet hatte. 14,04 Meter hatte Schulze gestoßen, dessen linker Arm im Bereich des eigentlichen Ellenbogens in einem Stummel endet – wahrscheinlich bedingt durch die Rötelnerkrankung seiner Mutter in der Schwangerschaft. "14,70 hatte ich drauf, aber das hätte auch nicht zu einer Medaille gereicht", blickt er realistisch zurück.

Schulze, der seit zwei Jahren beim Brandenburgischen Präventions- und Rehabilitationssportverein (BPRSV) in Cottbus trainiert und mit Frau und Tochter bei Burg lebt, hatte als Kind Fußball gespielt; an seiner Behinderung nahm niemand Anstoß. Der damals schon große und starke Junge wusste sich aber zur Wehr zu setzen, wenn ihn Schüler höherer Klassen aufzogen. Gut in Erinnerung sind ihm Worte seines damaligen Sportlehrers und Fußballtrainers: "’Wie du das alles wegsteckst’, sagte er einmal, und dass ich mal Schulrekord gestoßen habe. Das wusste ich noch gar nicht. Er hat sonst nie gelobt."

Mathias Schulze (rechts) zeigt mit Moderator Uwe Köppen das Europameisterschafts-Trikot von 2018. Die Prothesen benötigt er beim beidarmigen Krafttraining. © Foto: michael benk

Während seiner Ausbildung in Berlin trainiert Schulze intensiver Leichtathletik, setzt dies nach dem Umzug nach Bremen, wo er auf der Werft arbeitet, fort. 2004 wird ihm erstmals bewusst, dass es auch Olympische Spiele für Menschen mit Behinderung gibt. "Das hat mich begeistert." Er schreibt eine Mail an den damaligen Bundestrainer der Paralympics, Ralf Otto: "Ich bin groß, sportlich, habe nur eine Hand und will zu den Paralympics." Und wird zu einer Sichtung eingeladen. Heute beschreibt Mathias Schulze seine damalige Aktion mit einer Portion Staunen und Selbstvertrauen so: "Ich habe mich selbst entdeckt."
Schon 2005 wird er Dritter im Kugelstoßen bei den internationalen deutschen Meisterschaften.
Um Beruf und Training besser unter einen Hut zu bekommen, zieht er nach Sachsen, trainiert in Halle bei René Sack, dem heutigen Frauen-Bundestrainer im Kugelstoßen, und kann sich schnell auf 13 Meter steigern.
Für die Paralympics 2008 wird er noch nicht nominiert. Weil es dann heißt, Kugelstoßen ist 2012 in seiner Startklasse nicht im Programm, entscheidet er 2009, ein Jahr nach Tansania zu gehen, und fertigt dort Prothesen – eine prägende Erfahrung. In diese Zeit fällt die Information, dass Kugelstoßen doch ins olympische Programm für London aufgenommen wird. Schulze kehrt zurück, trainiert, lebt von Arbeitslosengeld, bis er in einer Wachschutzfirma einen Sponsor findet. Nach London sagt Schulze: "Das hat sich alles gelohnt." Seine Leistungen bringen ihm als erstem Para-Sportler in Halle eine Sportförderstelle ein.

Auch vier Jahre später in Rio ist das "Anti-Talent", wie ihn ein Trainer nennt, wieder dabei – als Speerwerfer, weil Kugelstoßen diesmal wirklich nicht für die F46 auf dem Programm steht. Schulze wirft 48,84 und wird Zehnter. Und schreibt während des Aufenthalts in Rio im deutschen Konsulat noch eine Prüfung, weil ihm seine Fernuniversität, an der er Bildungswissenschaften studiert, keine Ausnahme genehmigt. "Es war die einzige Prüfung, die ich bisher vergeigt habe."

Seine größten sportlichen Erfolge gelingen ihm in den Folgejahren, auch wenn er wegen des Hin und Her im sportlichen Programm nicht immer kontinuierlich trainieren kann. "Ich will groß denken." Mit diesem Leitspruch fährt er zur Para-WM 2017 nach London und überrascht alle, als er im zweiten Versuch der Kugelstoßer "ganz locker" seine Bestleistung auf 15,31 Meter steigert: Schulze ist Vize-Weltmeister, seine zweite internationale Medaille nach WM-Bronze 2013.
Zur heimischen EM ein Jahr später im Berliner Jahnsportpark macht er sich selbst einen riesigen Druck, will den allein 60 Freunden und Verwandten "etwas bieten" und setzt sich mit 14,94 durch: "Das erste Mal habe ich Gold für Deutschland geholt! Die Nationalhymne erklang für mich. Ich wollte mitsingen, aber mir kamen doch die Tränen", beschreibt Mathias Schulze den Moment.

Der Titel beschert ihm seine sechste EM-Medaille im Kugelstoßen, Speer und Diskus.

Schulzes nächste große Ziele sind die auf 2021 verschobenen Paralympics, sein Studium abzuschließen – und mehr Kinder mit Behinderungen für den Leistungssport zu gewinnen. "Die Eltern müssen wollen. Wir finden für jedes Kind eine individuelle Lösung, es in einem Verein zu integrieren," spricht er aus seiner Erfahrung als Koordinator Nachwuchs- und Leistungssport des Behinderten- und Reha-Sportverbandes Brandenburg (BSB) und verweist auf die guten Erfahrungen am Olympiastützpunkt Brandenburg mit Paralympischem Zentrum in Cottbus.

Inklussionssport am Anfang

Die Bemühungen in Frankfurt, mehr Menschen mit Behinderung im organisierten Sport zu integrieren, ringen ihm viel Achtung ab. Regina Giebel, Geschäftsführerin der Lebenshilfe Frankfurt, berichtete während des Abends, der erstmals auf deren Gelände stattfand, von einem Beachvolleyballplatz, der seit einigen Jahren genutzt wird, dem neu gegründeten Verein "SV Aktiv fit", einem kleinen Fitnessstudio für Kinder mit und ohne Beeinträchtigungen und einem Außenparcours, der entstehen soll.

"Wir stehen mit Inklusionssport noch ganz am Anfang. Aber wir erleben, wie ein Netzwerk immer ein Stück in ein anderes greift und freuen uns über Ideen und Vorschläge", fasste Victoria Fritzsche vom Stadtsportbund die Arbeit am zweijährigen Projekt MIA (Mehr Inklusion für alle) zusammen, bei dem eng mit der Lebenshilfe und weiteren Partnern zusammengearbeitet wurde. Ihr nächstes großes Ziel ist es, Menschen mit Behinderungen regelmäßigen Schwimmsport anzubieten. "Sie wollen dazu nicht nach Eisenhüttenstadt fahren, sondern in Frankfurt bleiben. Die Schwimmhalle hier ist aber voll ausgelastet", beschreibt sie die Situation.

 

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