„Ein wunderschöner Tag“

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PyeongChang2018 paralympic emblemÜber die lange Biathlon-Distanz zeigen Andrea Eskau und Martin Fleig Nervenstärke am Schießstand und holen jeweils Gold. Der Freiburger gewinnt die erste deutsche Männer-Medaille bei Winter-Paralympics seit Gerd Schönfelder vor acht Jahren in Vancouver. Clara Klug holt zudem Bronze.

29-mal in Folge waren es deutsche Frauen, die bei Paralympischen Winterspielen für Deutschland auf dem Siegerpodest standen, am Freitagvormittag (Ortszeit) beendete Martin Fleig (Ring der Körperbehinderten Freiburg) die männliche Durststrecke – und wie! Der 28-jährige Biathlon-Doppelweltmeister von 2017 in der sitzenden Konkurrenz hielt nach zwei für ihn enttäuschenden Rennen dem riesigen Druck stand und lief über die 15 Kilometer ganz nach vorne. Ein perfektes Schießen und eine starke Laufleistung brachten ihm in 49:57.2 Minuten den Sieg.

Im Ziel schrie Fleig seine Freude erst heraus, kurz darauf flossen Tränen – und nicht nur bei ihm. Trainer, Betreuer und weitere Teammitglieder der Deutschen Paralympischen Mannschaft lagen sich in den Armen, alle gönnten sie Fleig diesen Erfolg. Auch der geschlagene Zweitplatzierte Daniel Cnossen gratulierte herzlich. Der US-Boy kam mit einer Strafminute auf eine Zeit von 50.42.7 Minuten. Bronze holte sich der Kanadier Collin Cameron (50:59.1 Minute, ein Fehler).

„Mir fehlen die Worte für das, was heute passiert ist. Ich habe Angst, gleich aufzuwachen und festzustellen, dass alles nur ein Traum war“, sagte Fleig nach der Flower Ceremony. Dass der Traum wahr war, hatte er nach eigenen Angaben „super Skiern“ und dem fehlerfreien Schießen zu verdanken. „Das ist wegen der Strafminuten für jeden Fehlschuss natürlich sehr wichtig gewesen.“

Eskau holt ihr achtes Gold

Einen Beleg für diese These bot schon das kurz zu Ende gegangene Rennen der Frauen sitzend, in dem sich Andrea Eskau (USC Magdeburg) und Oksana Masters (USA) einen packenden Zweikampf lieferten. Beide blieben am Schießstand makellos, Eskau aber war etwas schneller unterwegs als ihre Konkurrentin. Ihre Zeit nach 12,5 Kilometern: 49:41.2 Minuten und damit 18,8 Sekunden schneller als Masters, die genau 50 Minuten benötigte.

„Ich musste kämpfen, aber wenn’s läuft, dann läuft es halt“, sgte die Elsdorferin, die in PyeongChang nun zweimal Gold und zweimal Silber geholt hat – und das, obwohl sie körperlich leicht angeschlagen ins Rennen gegangen war. Hermann „Hempy“ Frey aus dem Skitechniker-Team, das beim Wachsen ein gutes Näschen für die plötzlichen winterlichen Verhältnisse bewies, begrüßte die nun insgesamt achtfache Paralympicssiegerin im Ziel mit den Worten „Du Scharfschützin. So habe ich dich noch nie schießen sehen.“

Ebenfalls brillant am Schießstand zeigte sich am Nachmittag Clara Klug (PSV München), die bei den Frauen mit Sehbehinderung ihre zweite Bronze-Medaille dieser Spiele gewann. In 41:05.9 Minuten kam sie hinter Oksana Lysova (Neutrale Paralympische Athleten, 37:42.8 Minuten, kein Fehler) und Oksana Sjyshkova (Ukraine, 40:31.1 Minute, ein Fehler) ins Ziel.

Der unnachgiebige Guide

Dort musste sich die völlig erschöpfte 23-Jährige erst einmal Zeit nehmen, um wieder zu Kräften zu kommen. Klug hatte sich geplagt von Asthmaproblemen verausgabt. „Ich bin froh, überhaupt angekommen zu sein. Eigentlich wollte ich schon in der ersten Runde einsteigen, aber Martin hat das nicht zugelassen“, sagte sie mit Verweis auf ihren Guide und Trainer Martin Härtl. Das erste Schießen habe ihr dann den Mut gegeben, das Rennen durchzuziehen. „Ich hatte eine solche Sauerstoffnot und bin trotzdem null geblieben. Da dachte ich mir: Ich laufe einfach, bis ich umfalle.“ Mit der Einstellung habe sie es bis ins Ziel geschafft – und zu Bronze.

Für den zweiten Deutschen im Feld der Sehbehinderten, Nico Messinger, endete das Rennen auf einem zehnten Platz. Läuferisch wusste er zu überzeugen, aber vier Fehler warfen ihn zurück. „Die Bedingungen kamen mir diesmal entgegen“, sagte der 23-jährige Freiburger und bedauerte, dass der Wetterumschwung nicht schon früher gekommen ist. Gold ging an Vitaliy Lukyanenko aus der Ukraine.

Der Bundestrainer schwärmt

Auch Anja Wicker (MTV Stuttgart) und Steffen Lehmker (WSV Clausthal-Zellerfeld) vergaben am Schießstand bessere Platzierungen. Wicker schoss zwar dreimal null, beim dritten Schießen leistete sie sich aber drei Fehler. Das brachte ihr am Ende den neunten Rang ein.

Lehmker war bis zum zweiten Schießen vorne mit dabei, schoss dann jedoch plötzlich viermal daneben. „Mein Visier war verschmutzt. Ich wollte es noch säubern, habe die Ziele aber nur verschwommen gesehen.“ Durch die vier Strafminuten war das Rennen für den 28-jährigen Niedersachsen früh gelaufen, zwei weitere kamen noch hinzu. Am Ende wurde er Elfter. Gold ging an Mark Arendz (Kanada) Silber an Benjamin Daviet (Frankreich) und Bronze an Nils-Erik Ulset (Norwegen).

Die drei deutschen Medaillen aber überstrahlten alles. „Das war ein wunderschöner Tag“, sagte der Bundestrainer Ralf Rombach – mit Fleigs Sieg als emotionalem Höhepunkt. „Er hat sich einen Traum von ewigen Zeiten erfüllt.“ Eskaus Leistung nannte der Bundestrainer „überragend“, Klug lobte er für ihr Durchhaltevermögen. „Dafür, dass sie so sehr mit ihrem Asthma zu kämpfen gehabt hat, ist sie richtig gut gelaufen.“ 

 

„Die Paralympics sind für mich ein Abenteuer“

Zwischen OP-Tisch und Alpenhaus-Bühne: Dr. Hartmut Stinus erlebt in PyeongChang seine siebten Paralympics – Bereits seit 25 Jahren ist er Mannschaftsarzt der deutschen Nationalmannschaft Para Ski alpin

Die Paralympics in PyeongChang sind seine siebten Spiele, gleichzeitig feiert er ein Jubiläum: Seit 25 Jahren ist Dr. Hartmut Stinus Mannschaftsarzt der deutschen Nationalmannschaft Para Ski alpin – doch der „Dottore“ ist noch viel mehr. Nah an den Athleten, immer ein offenes Ohr, stets mit großem Engagement und mit viel Erfahrung – Hartmut Stinus ist ein echter Teamplayer. Und sorgt nicht nur in der Mannschaft für gute Stimmung, sondern in PyeongChang auch auf der Bühne des Alpenhauses.

Doch in Südkorea musste der 58-jährige Göttinger mit Schwarzwälder Wurzeln einen Schreckensmoment verkraften. Im Riesenslalom stürzte Monoskifahrer Georg Kreiter und verletzte sich schwer an der Schulter. Von der Piste aus ging es, begleitet von Hartmut Stinus, direkt ins Krankenhaus. Kreiter hatte sich eine Schlüsselbeinfraktur zugezogen. „Gemeinsam mit den südkoreanischen Kollegen haben wir verschiedene Möglichkeiten durchgespielt und uns für eine Operation direkt vor Ort entschieden“, berichtet der Mannschaftsarzt. Mit am OP-Tisch dabei: Hartmut Stinus. Eingreifen musste er allerdings nicht. „Prof. Dr. Kim ist ein hervorragender Unfallchirurg und hat die Operation nach allen bekannten Standards sehr gut durchgeführt.“ Zurück geht es für Kreiter am kommenden Montag gemeinsam mit der restlichen Deutschen Paralympischen Mannschaft. Weitere Behandlungen folgen in Deutschland.

Der Heilungsprozess von Georg Kreiter wird von der Heimat aus weiter begleitet

Stinus wird sich von der Heimat aus weiter um Georg Kreiter kümmern und den Heilungsprozess begleiten – so wie er es immer tut. „Ich betreue das Team das gesamte Jahr über und stehe mit Rat und Tat zur Seite, ob bei Verletzungen, bei der Medikation oder beim Bereich Anti-Doping“, sagt Stinus. Und das bereits seit 25 Jahren. „Mich hat das Thema schon damals unglaublich interessiert, ich habe mich beruflich um Menschen mit Behinderung gekümmert, zudem bin ich selbst Skifahrer. So kam der Kontakt zum Team.“ 1993 trat er die Nachfolge von Dr. Gerd Ascher an, ein Jahr später folgte sein erster Einsatz bei den Paralympics in Lillehammer.

Seitdem hat sich viel getan. Die Aufmerksamkeit für den Para-Sport ist stark angestiegen, ebenso das Niveau, auch die Professionalität hat deutlich zugenommen. „Wir haben viel im Bereich der Leistungsdiagnostik getan, die körperlichen Voraussetzungen sind auf der Piste sehr wichtig“, erklärt Stinus, der mit einem Kollegen eine eigene Praxis hat und zudem noch an der Universitäts-Klinik Göttingen operativ tätig ist.

„Es macht mir unglaublich viel Spaß, Mitglied eines so tollen Teams zu sein“

Die Teilnahme an den Paralympics ist immer ein Highlight, wohlwissend, dass der Hauptjob als Mannschaftsarzt außerhalb der Spiele stattfindet. „Für mich sind die Reisen wie ein Abenteuerurlaub. Das sind spannende Erlebnisse, so etwas kann man sich nicht kaufen. Es macht mir unglaublich viel Spaß, Mitglied eines so tollen Teams zu sein – auch nach 25 Jahren noch“, betont Stinus. Deswegen hat er auch vor einigen Jahren ein Angebot ausgeschlagen, internationaler Chef-Klassifizierer für Para Ski alpin zu werden. „Dann wäre ich jetzt im schicken Hotel und hätte einen eigenen Fahrer. Doch ich mag die Landschulheim-Atmosphäre im Paralympischen Dorf und bin lieber nah bei der Mannschaft.“

Besonders positiv sind seine Erinnerungen an die Spiele in Sotschi 2014. „Auch, weil es so unerwartet positiv war. Die Vorzeichen waren nicht gut aufgrund der Krim-Krise, doch vor Ort habe ich so viele tolle und herzliche Menschen kennengelernt – das werde ich nicht vergessen.“ Ebenso wie viele andere Erlebnisse bei den Spielen. Die schönsten Momente und einige Teile aus der offiziellen Einkleidung hat Hartmut Stinus inzwischen im Schuh-Museum seines Vaters in Achern im Schwarzwald ausgestellt. „Darin habe ich einen kleinen Paralympics-Raum gestaltet.“

Vielleicht hängt dort bald auch ein Bild von seinen Auftritten im Alpenhaus. Denn dort hat der 58-Jährige die Bühne gerockt und als singender Mannschaftsarzt mit seiner Gitarre für mächtig Stimmung gesorgt. Und abseits der Bühne ist Hartmut Stinus stets für die Athletinnen und Athleten da – wie in PyeongChang für Georg Kreiter. Ein echter Teamplayer eben.

Rollstuhlcurler beendet Turnier mit achtem Platz

Mit Platz acht beendet die deutsche Rollstuhlcurling-Nationalmannschaft die Paralympischen Spiele im südkoreanischen PyeongChang. Trainer Bernd Weißer ist damit zufrieden – auch wenn das Team kurzzeitig in Richtung Halbfinale steuerte.

Mit einem 8:4 gegen Finnland ist der deutschen Rollstuhlcurling-Mannschaft mit Skip Nane Putzich, Heike Melchior, Martin Schlitt, Wolf Meißner und Harry Pavel ein positiver Abschluss gelungen. Mit vier Siegen aus den ersten fünf Partien hatte die Mannschaft in Südkorea begeistert und gleichzeitig verwundert, anschließend gingen aber fünf Spiele in Folge verloren, bis es gegen Finnland wieder mit einem Sieg klappte.

„Wir haben unser Ziel erreicht“, sagt Cheftrainer Bernd Weißer, der von Katja Schweizer assistiert wurde: „Die Nationen vor uns haben alle mehr Möglichkeiten als wir, da haben wir uns gut geschlagen.“

Hinter den für das Halbfinale qualifizierten Teams aus Südkorea, Kanada, China und Norwegen liegt das deutsche Team zusammen mit den Neutralen Paralympischen Athleten aus Russland, der Schweiz und Großbritannien mit fünf Siegen und sechs Niederlagen auf den Plätzen fünf bis acht, aufgrund der Draw Shot Challenge wurde die deutsche Mannschaft am Ende wie in Vancouver 2010 Achter.

Für Teammanagerin Petra Schlitt, die vor den Spielen immer bei den südkoreanischen Fans Deutschland-Fähnchen und Schwarz-Rot-Gold-Gesichtsbemalung verteilte und das Team lautstark unterstützte, überwiegt ebenfalls das Positive: „Wir haben hier Werbung für den Curlingsport gemacht. Anfangs dachten alle, ach Curling, das ist so weit außerhalb in Gangneung. Aber bei jedem Spiel haben uns Mitglieder aus der deutschen Paralympics-Mannschaft unterstützt, das war toll und ein starkes Signal nach außen.“

Mit ihrem sympathischen Auftritt haben die Rollstuhlcurler in jedem Fall auch dafür gesorgt, dass das Thema Nachwuchs leichter angegangen werden kann, indem Aufmerksamkeit geschaffen worden ist, schließlich hat das aktuelle Team einen Altersschnitt von 52 Jahren.

Ungeachtet dessen waren die Paralympics ein Kraftakt. Jeden Morgen mindestens 30 Minuten Fahrzeit, meist zwei Spiele pro Tag über knapp zweieinhalb Stunden – das schlaucht. „Es war grenzwertig, aber ein tolles Erlebnis“, sagt Meißner, der mit dem Spitznamen „Headbanger“ auch die deutschen Medien auf sich aufmerksam machte: „Und wenn wir eine Medaille gewonnen hätten, wäre es sowieso eine Sensation gewesen.“